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Transparent und Effizienz – so treffen wir die Bedürfnisse der Kunden

Steffen Bobsien, Senior Vice President European Asset Management & Technology, erklärt, warum DB Cargo immer digitaler wird.

Herr Bobsien, die Güterbahn fährt seit mehr als einem Jahrhundert für Kunden in Deutschland und Europa. Warum ist Digitalisierung heute so ein großes Thema?

BOBSIEN: Die Deutsche Bahn ist ja Dienstleister. Da kommt es im hohen Maße darauf an, die Bedürfnisse des Kunden punktgenau zu treffen. Dabei gibt es viele Gestaltungsmaßnahmen, zum Beispiel durch die digitale Überwachung der Dienstleistung als solche und die Information der Kunden. Ein Beispiel: Bei Autotransporten für Kunden aus der Automobilindustrie ist es wichtig, zu wissen, in welcher Zugrichtung der Zug in das Anschlussgleis fährt. So können die Autos in der richtigen Richtung den Transporter verlassen. Durch digitale Überwachung können wir das sicherstellen und planen gegebenenfalls eine Drehfahrt ein, um den Zug punktgenau beim Endkunden ankommen zu lassen. Digitalisierung bedeutet also mehr Steuerungsfähigkeit, mehr Transparenz, bessere Qualität und optimierte Produktionsstrukturen. Wie ernst wir dieses Thema nehmen, zeigt eine Zahl: Bis zu 500 Millionen Euro investiert DB Cargo mittelfristig in die Digitalisierung. Die DB betreibt ein „Asset & Maintenance Digital Lab“ im „House of Logistics & Mobility“ in Frankfurt am Main.

Steffen Bobsien, Senior Vice President European Asset Management & Technology, kümmert sich mit seinem Team darum, Prozesse von DB Cargo in eine datengetriebene Zukunft zu übertragen. 

Was entwickeln die Mitarbeiter dort? Was erwarten Sie von dem Lab?

BOBSIEN: Viele Ideen entstehen im Tun, dies gilt insbesondere für die Digitalisierung. Deshalb führen wir im Lab Vertrieb, IT-Entwickler, Data Scientists, Technikexperten, also kreative Köpfe aus verschiedenen Disziplinen, zusammen, um Ideen weiterzuentwickeln und zu testen. Dabei prüfen wir, welches Verbesserungspotenzial in unseren Prozessen und Schnittstellen steckt und was wir unseren Kunden zusätzlich anbieten können. Anschließend testen und entwickeln wir diese Ideen im Lab weiter. Das Lab fungiert hier als Mix aus Projekt- und Kreativraum. Bis zu 50 Mitarbeiter sind dort aktiv. Dabei können wir immer wieder eine Art Dominoeffekt feststellen, bei dem die User aus verschiedenen Bereichen die Möglichkeiten für Anwendungsfälle beim Handling der Applikationen entdecken. Diese ergeben sich aus dem neuen Niveau der Datentransparenz und der smarten Datennutzung. Dieses Vorgehen – Möglichkeiten zu erkennen – ist für uns absolut wichtig, um aus vielen kleinen Ideen zu großen Ansätzen zu gelangen, die das Potenzial haben, Produkte und Konzepte zu verändern.

Gibt es Beispiele?

BOBSIEN: Ja natürlich. So zum Beispiel unsere als TechLOK ausgerüsteten Lokomotiven. Die Fahrzeuge berichten datenbasiert selbstständig ihre aktuellen Zustände. Auf dieser Basis werden so durch verlässliche und präzise Fehlermeldungen Wartungsfristen verkürzt und Zuführungen reduziert, was insgesamt die Verfügbarkeit erhöht – das Ganze international. Wir schließen in Kürze die 1.000ste Lok an das TechLOK-System an. Kürzlich haben wir mit GE Transportation eine Kooperation vereinbart, um weitere 250 Loks zu digitalisieren – und zwar in Deutschland, Großbritannien, Polen und Frankreich. Auch unsere Wagen statten wir mit Sensorik aus. Beispielsweise zur Optimierung von Dispositionsentscheidungen für Schadwagen. Dazu kommen auch die bessere Planung von Services wie die Abholung von Fahrzeugen am Gleis, die Abrechnung von Rangierfahrten oder die Zustellung über Ländergrenzen ins Ausland. Solche Services entwickeln wir weiter.

Wie viele Waggons werden mit der entsprechenden Technologie ausgestattet?

BOBSIEN: Wir haben aktuell Musterflotten mit einer Basisausstattung an unser System angeschlossen. Bis Ende 2019 werden es insgesamt rund 65.000 Güterwagen sein. Ziel ist, mittelfristig die gesamte Flotte entsprechend „intelligent“ auszustatten. Im Zuge der Ausstattung der ersten Flotten haben wir festgestellt, dass unsere Kunden besonders oft Daten über den Zustand des Ladeguts nachfragen, also zum Beispiel Informationen über Stöße und die Geoposition. Je nach Branche und Kundenbedarf rüsten wir Waggons mit weiterer Sensorik auf, die den genauen Zustand von Fracht und Wagen erfasst und so für die gesamte Logistikkette genutzt werden kann. Für uns stellt sich heute nicht mehr die Frage: Wann kommen die ersten Anwendungsfälle? Sondern eher: Wann kommen die Anwendungsfälle am Fließband? Im kommenden Jahr rechnen wir damit, dass sich die Zahl der möglichen Anwendungen, Produkte und Service- Ideen dramatisch erhöhen.

Ist das Lab und diese Herangehensweise etwas, das DB Cargo im Wettbewerb auszeichnet?

BOBSIEN: Die Mitbewerber haben in der Regel ähnliche Ansätze für Arbeitsumgebungen. Aber was unser Lab auszeichnet, ist, dass wir uns nur mit Anwendungsfällen und Themen beschäftigen, die mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent in der Wertschöpfungskette unserer Dienstleistung realisiert werden können. Wir gehen also auf Bedürfnisse des Marktes und unserer Kunden ein. Gleichzeitig kommt uns zugute, dass die DB alle Digitalisierungsaktivitäten rund um Asset Management und Instandhaltung in diesem Lab bündelt – so wird es für diese Schwerpunkte ein Nukleus für das gesamte rollende Material bei der DB.

Wie weit sind denn die Kunden?

BOBSIEN: Das ist unterschiedlich. Einige große Kunden sind auch schon einen Schritt weiter als wir. Bei Volkswagen oder bei BASF zum Beispiel haben die Kunden viele Teile ihrer Logistikketten sehr frühzeitig eigeninitiativ digitalisiert. Bei anderen Kunden treffen wir auf ein großes Bedürfnis, mit ihnen gemeinsam digitale Prozesse einzuführen.

Was bedeutet das?

BOBSIEN: Die Kunden wollen mit uns gemeinsam die Entwicklung von Ideen und konkreten Projekten vorantreiben. Gleichzeitig wollen sie ihre eigenen hohen Anforderungen gewahrt wissen. Dabei haben wir festgestellt, dass einige Kunden auf unsere Einschätzung als Logistiker setzen. Die sagen: Wir haben schon eine Fülle von Daten, sind aber nicht sicher, wie wir sie in unserer Logistikkette nutzen können. Für uns haben die Digitalisierung und das gemeinsame Vorgehen mit dem Kunden natürlich den Vorteil, dass wir den Kunden und seine Anforderungen noch besser verstehen, dass wir näher an ihm und seinen spezifischen Bedürfnissen agieren. So werden wir nicht nur als Dienstleister aktiv, sondern können zunehmend auch datenbasiert die Steuerung von logistischen Ketten übernehmen.

Aber wie erkennen Sie denn die Bedürfnisse des Marktes? Wie erfahren Sie, was Kunden wollen?

BOBSIEN: Wir haben einen ausgesprochen engen Kontakt zu unseren Kunden, wir reden mit ihnen und den anderen Beteiligten auf dem Markt, wir tauschen uns mit den Vertriebsbereichen aus. Wir stellen ja eine Fülle von Daten zur Verfügung, zum Beispiel über unser Online-Kundenportal myRailportal. Eine Möglichkeit ist auch, dass wir den Kunden einladen, um gemeinsam Ideen voranzutreiben – so etwas machen wir ja schon sehr erfolgreich im Duisburger Customer Lab. Der enge Austausch mit dem Kunden ist für uns sehr wichtig. So vermeiden wir, Technologien zu entwickeln, die an den Bedürfnissen des Marktes vorbeigehen.

Der Erfolg der Digitalisierung hängt auch von den Mitarbeitern ab. Wie nehmen Sie die mit?

BOBSIEN: Vor einem Jahr hätte ich gesagt: Wir bringen unsere Kollegen rotierend ins Lab, um über die aktuellen Entwicklungen und Digitalisierungsprojekte zu informieren und mit Ihnen zusammen die Anwendungen zu entwickeln. Das ist auch nach wie vor gültig – heute aber ist das Thema bereits in der Fläche angekommen. Viele Mitarbeiter kommen von selbst auf uns zu und fragen mit großem Interesse nach, was im Lab derzeit geschieht, und bringen eigene Ideen und Anregungen mit ein. Und übrigens: Vor allem im Bereich der digitalen Transformation stellt sich die Frage der Nachwuchskräfte nur bedingt. Die Themen im Lab sind so spannend für viele junge Leute, dass wir nicht um Nachwuchs kämpfen müssen. An anderer Stelle allerdings fehlt noch Nachwuchs: bei den Technischen Flottenmanagern zum Beispiel. Künftige Flottenmanager müssen ja nicht nur etwas von der Lok und den Bahnprozessen verstehen, sondern zunehmend auch von der Digitalisierung und von Datenanalyse. Wie wir diese Berufsfelder entsprechend ausbilden, daran arbeiten wir derzeit mit der TU Dresden und der RWTH Aachen.