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Wandel bei voller Fahrt

Digitale Transformation, Klimawandel, Ressourcenverknappung und politische Unwägbarkeiten –die Logistikbranche unterliegt einem ständigen Wandel. Die Aussichten für die Branche sind aber gut, auch 2019 wieder stärker als die Wirtschaft zu wachsen.

Vorher allerdings muss die Branche einige Herausforderungen bewältigen. Zwar war 2017 das Jahr der guten Zahlen. Und auch 2018 hat das Wachstum noch ordentlich zugelegt: „Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem soliden Aufschwung, trotz protektionistischer Tendenzen in der Weltwirtschaft“, heißt es im Bundeswirtschaftsministerium zum Abschluss des 3. Quartals 2018. Doch gleichzeitig hat sich die Stimmung eingetrübt. Viele Unternehmen sind verunsichert, weil sie heute planen müssen, wie sie auf die anstehenden Veränderungen von morgen reagieren. Für Logistikunternehmen als Dienstleister ist es besonders schwierig, kommende Entwicklungen vorwegzunehmen, ohne durch falsche Zielsetzungen und Investitionen aufs wirtschaftliche Abstellgleis zugeraten.

Politische Ungewissheiten und drohende Handelsauseinandersetzungen sind Faktoren, die die Wachstumsaussichten beeinträchtigen. Hinzu kommen Trends, die sich auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit auswirken – der Zwang zu mehr Nachhaltigkeit, der demografische Wandel, die digitale Transformation, die Modernisierung der Infrastruktur. Wer dies als mittelfristige Aufgabe betrachtet, weiß, dass gewaltige Herausforderungen auf die Branche warten.

Wirtschaftlicher Ausblick 2019

Zunächst einmal die nackten Zahlen der Prognostiker: Für die Jahre 2018 und 2019 sagt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der die Bundesregierung berät, Zuwachsraten des realen Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 1,6 Prozent beziehungsweise 1,5 Prozent voraus. „Die ungewisse Zukunft der globalen Wirtschaftsordnung und der demografische Wandel stellen die deutsche Volkswirtschaft vor große Herausforderungen“, sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Christoph M. Schmidt, im November 2018. „Deshalb stehen wir vor wichtigen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen.“

Nur etwas optimistischer urteilt die Gemeinschaftsdiagnose, die fünf deutsche Wirtschaftsinstitute für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie erstellen: „Im Durchschnitt dürfte die Wirtschaftsleistung nacheinem Zuwachs um 1,7 Prozent (2018) mit Raten von 1,9 Prozent im Jahr 2019 und 1,8 Prozent im Jahr 2020 expandieren“, heißt es in der Diagnose von September 2018. Roland Döhrn, Konjunkturchef des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, bestätigt: „Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft verliert an Fahrt. Die Nachfrage aus dem Ausland ist schwächer geworden, gleichzeitig haben Unternehmen offenbar zunehmend Probleme, genügend Arbeitskräfte für ihre Produktion zu finden.“ 2019 nimmt wahrscheinlich auch der Güterverkehr kräftig zu. Das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) erstellt für die Bundesregierung eine „gleitende Mittelfristprognose für den Güter- und Personenverkehr“. Und in der aktuellen Prognose hält sie fest, dass eine gleichbleibende Rohstahlproduktion, ein fast unveränderter Mineralölverbrauch und ein sinkender Steinkohleabsatz weniger Verkehre bedeuten. Gleichzeitig prognostiziert sie aber, dass der Güterverkehr im Jahr 2019 trotzdem kräftig zulegen wird. Um 2,3 Prozent beim Aufkommen und 3,1 Prozent bei der Transportleistung. Die Gründe dafür: Wachstum bei den Bauinvestitionen, der Produktion des Bauhauptgewerbes und der Industrieproduktion.

Wachstum

Die Branche steht jedoch für weit mehr als reinen Güterverkehr und ist mitüber drei Millionen Beschäftigten und einem Umsatz von 267 Milliarden Euro im Jahr 2017 der drittgrößte Wirtschaftsbereich Deutschlands. DessenAussichten haben die Logistikweisen, ein Kreis von renommierten Expertenaus unterschiedlichen Branchen und Bereichen, untersucht. „Für 2019 wirdein Wachstum von 1,7 Prozent nach Euro prognostiziert“, so das Gremium in seinen Ergebnissen vom Herbst 2018. Im Jahr darauf sollen es gar 2,2 Prozent werden. Allerdings halten die Logistikweisen eine wichtige Aussage bereit: Das Wachstum besteht zum Teil aus mehr Tonnage, zu einem Großteil aber auch aus höheren Preisen. Logistik wird also teurer.

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem soliden Aufschwung – trotz protektionistischer Tendenzen in der Weltwirtschaft

- Bundeswirtschaftsministerium zum Abschluss des 3. Quartals 2018

Trends

Was aber treibt die Logistik 2019 an? Welches sind die großen Themen, mit denen sich Verlader und Dienstleister in diesem und in den kommenden Jahren auseinandersetzen müssen? „Es gibt zwei große Bottlenecks: den Fachkräftemangel und die Entwicklung der Kapazitäten auf der Straße“, sagt Wolfgang Stölzle, Professor für Logistikmanagement am Institut für Supply Chain Management der Universität St. Gallen (Schweiz). Der Wissenschaftler, der auch dem Kreis der Logistikweisen angehört, ist optimistisch, was das Jahr 2019 betrifft. Aber: „Es herrscht der Eindruck vor, dass ein langes Konjunkturhoch langsam zu Ende gehen könnte. Die Logistik partizipiert ja in beiden Richtungen überproportional stark an der Entwicklung der Wirtschaft.“

Fachkräfte

Der Logistikbranche gehen die Fachkräfte aus, was die Transportkapazitäten bereits heute einschränkt. Ohne Lokführer, Fahrdienstleister, Disponenten und Trucker können die immer komplexer werdenden Versorgungsketten nicht mehr funktionieren. In all diesen Berufen gibt es zu wenig Mitarbeiter. Bis zu 45.000 Lastwagenfahrer fehlenheute, so Schätzungen. Auch bei den Eisenbahnen mangelt es an Fachkräften. DB Cargo zum Beispiel hat 2018 mehr als 1.800 neue Mitarbeiter eingestellt: Lokführer, Lokrangierführer und Wagenmeister, aber auch Planer und Disponenten in der Produktion. Hinzu kommt, dass die Altersstruktur der heute Beschäftigten den Mangel in den kommenden Jahren verschärfen wird. „Der demografische Wandel schlägt mittlerweile voll durch. Wenn ich mit Logistik-Führungskräften rede, dann war Fachkräftemangel früher etwas, was sich am Horizont abzeichnete. Heute sind davon alle betroffen“, sagt Prof. Stölzle.

Infrastruktur

Außerdem gibt es einen limitierenden Faktor, den auch die Logistikweisen ganz klar benennen: „Die notwendige Erneuerung/Sanierung der Straßen- und Schieneninfrastruktur führt zu zahlreichen Baustellen teilweise mit zu langer Laufzeit. Es fehlt zudem die Basis für eine intelligente Verkehrssteuerung. Die Infrastruktur ist trotzdem weiterhin marode. Dies führt zu Effizienzverlusten, höherem Zeitaufwand und steigenden Kosten in der Logistik.“

Fast die Hälfte der Autobahnbrücken beispielsweise ist zwischen 1965 und 1975 gebaut worden. Heute müssen sie mindestens grundsaniert oder neugebaut werden, hat das Institut für Wirtschaft schon im Jahr 2017 festgestellt. Noch dramatischer sind die Infrastrukturmängel auf den Wasserstraßen: Etwa 600 Schleusen und Wehre sind im Durchschnitt 70 beziehungsweise 65 Jahre alt. Die alten Anlagen fallen häufig aus, zudem sind sie für heutige Schiffe zu klein.

Ähnlich sieht es bei den Schienenwegen aus: Fast 10.000 Eisenbahnbrücken wurden vor dem Ersten Weltkrieg gebaut. Heute liegt das Durchschnittsalter der Eisenbahnbrücken in Deutschland bei etwa 56 Jahren. Auch hier herrscht großer Sanierungsbedarf. Um die Bahn politisch zu unterstützen, will der Bund das Schienennetz ausbauen: 29 zusätzliche Schienenprojekte sind als „vordringlicher Bedarf“ eingestuft. Damit erhalten 22 Neu- und Ausbauvorhaben, sechs Ausbauvorhaben von Eisenbahnknoten sowie Maßnahmen für den Einsatz von 740 Meter langen Zügen die höchste Dringlichkeitsstufe.  „Wir bringen zusätzliche Schienenprojekte aufs Gleis, die ein echter Gewinn für das gesamte Schienennetz und die Regionen sind. Mit ihnen beseitigen wir Engpässe, schaffen mehr Kapazitäten und stellen die Infrastruktur für den Deutschlandtakt bereit“, sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Nun fließt viel Geld in die Modernisierung der Infrastruktur. Doch zum einen dauern viele Bauprojekte Jahre, zum anderen führen viele Bauprojekte ausgerechnet jetzt dazu, dass die Infrastruktur noch weniger nutzbar ist als zuvor.

„Es ist völlig ausgeschlossen, dass die Infrastruktur in dem Maße wächst, wie der Verkehr wächst. Das gilt für alle Verkehrsbereiche“, sagt deshalb Prof. Stölzle von der Universität St. Gallen. „Die alte Forderung, das wirtschaftliche Wachstum vom Verkehrswachstum zu entkoppeln, ist bislang nicht umgesetzt worden. Im Gegenteil: Die Wirtschaft wird immer transportintensiver.“

Bemerkenswert in dem Zusammenhang ist allerdings ein internationaler Vergleich: So hat die Weltbank 2018 beim Logistics Performance Index Deutschland zum dritten Mal in Folge zum Top-Standort unter 160 Ländern gekürt. Dabei fließen Bewertungen der jeweils wichtigen Haupthandelspartner und von ausländischen Logistikdienstleistern in das Rating ein. Und die positionieren Deutschland in der Kategorie „Qualität der Handels- und Transportinfrastruktur“ an erster Stelle.


„Die Digitalisierung führt schon heute zu mehr Transparenz – wir haben ja heute viel mehr Wissen über unsere Lieferketten als früher.“ 

Wolfgang Stölzle, Professor für Logistikmanagement


 


E-Commerce verändert die ganze Logistikbranche

Gleichzeitig verändern sich aber die Güterströme in Deutschland. Der boomende E-Commerce lässt die Versorgungsketten länger werden. Bei Lagerung, Kommissionierung, Transport, Auslieferung und teilweise der Bezahlung der Ware nehmen die Services zu. „Auch die Unternehmen aus dem Bereich Ladungsverkehr, Stückgut und Kombiniertem Verkehr legen zu“, sagt Martin Schwemmer von der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS in Nürnberg. Die Arbeitsgruppe präsentierte im November die aktuelle Studie Top 100 der Logistik 2018/19. „Der Handel verändert sich rasant, der stationäre Handel öffnet sich weiter und baut den Multi-Channel-Vertrieb aus“, sagt Schwemmer. „Viele Logistiker sehen jetzt klar die Notwendigkeit, um zu investieren.“ Weil die Sendungen kleinteiliger werden, ist vor allem Flexibilität der Schlüssel zum Erfolg. „Da ist es durchaus möglich, dass die Schiene einen Teil der Wertschöpfung übernehmen kann,“ sagt Schwemmer. Vor allem im Kombinierten Verkehr stecke für den Verkehrsträger viel Potenzial. Allerdings müsse die Bahn die Flexibilität und Slots bieten, die in das System der Händler passten.

Hinzu komme, dass viele Spediteure bislang keinen Berührungspunkt mit der Bahn gehabt hätten. Deshalb müssten Unternehmen wie DB Cargo ihre Angebote leichter zugänglich machen und den Kunden die Möglichkeit bieten, auch kleine Liefermengen unkomplizierter transportieren zu lassen.

Trend zu mehr Nachhaltigkeit

Lastenfahrräder, Elektrofahrzeuge, Künstliche Intelligenz zur Routenplanung und der perfekt geplante Einsatz von unterschiedlichen Verkehrsträgern sind Beispiele dafür, wie ernst Logistiker klimafreundlichere Lieferketten nehmen: Nachhaltigkeit bleibt im Jahr 2019 ein großes Thema. „Wir nehmen das als einen relevanten Trend wahr“, bestätigt Martin Schwemmer. „Allerdings ist die Nachhaltigkeit nicht intrinsisch motiviert, sondern wird zum Beispiel durch politische Regelungen oder durch Kunden gefordert.“

Vor allem Logistiker wie die Expressdienstleister seien näher am Endkunden und spürten mehr Druck, ihre Nachhaltigkeit auszuweisen. Gerade für die Unternehmen im Schienengüterverkehr sei der Bedarf an nachhaltigen Transportlösungen eine große Chance, ihren Anteil im Modal Split zu erhöhen, weil die Bahn durch effiziente und elektrifizierte Verkehre emissionsärmer sei als beispielsweise der Lkw. Allerdings kommt es auf wettbewerbsfähige Kostenan. „Bislang müssen sich nachhaltige Lieferketten rechnen“, erläutert Schwemmer. Dabei kommt der Bahn entgegen, dass sie bei einigen Kostenwie den Trassenpreisen entlastet wird. Ihr stärkster Konkurrent, der Lkw, wird jedoch durch höhere Maut und möglicherweise steigende Treibstoffpreise belastet. Auch der soziale Aspekt der Nachhaltigkeit wird immer wichtiger: Angesichts des Fachkräftemangels kommt es darauf an, das Unternehmen attraktiv zu machen – für bestehende und künftige Mitarbeiter.

Wir bringen zusätzliche Schienenprojekte aufs Gleis, die ein echter Gewinn für das gesamte Schienennetz und die Regionen sind.

 - Andreas Scheuer, Bundesverkehrsminister

Über allem steht der digitale Wandel

Und schließlich die digitale Transformation. Der Digitalisierung wird vorausgesagt, dass sie durch technische Lösungen viele Probleme auf einmal löst. Automatisierung und Künstliche Intelligenz (KI) helfen, den Fachkräftemangel zu überwinden. KI und Data Analytics sorgen für eine effiziente Nutzung der begrenzten Infrastruktur und damit für mehr Nachhaltigkeit – genauso wie Lang-Lkw, Platooning, längere Züge und selbstfahrende Fahrzeuge. Das ist sicher ein Grund dafür, warum Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier beim BVL-Logistikkongress im Oktober in Berlin einen Appell an die Unternehmen richtete, sich stärker um die Digitalisierung zu kümmern – und den Aufbau von digitalen Plattformen voranzutreiben (siehe Interview mit Steffen Wagner auf Seite 14). 


„Die Digitalisierung führt schon heute zu mehr Transparenz – wir haben ja heute viel mehr Wissen über unsere Lieferketten als früher“, erläutert Prof.Stölzle. Mit dem Ergebnis, dass viele Unternehmen nun mit digitalen Angeboten auf den Markt drängten. Allerdings fehlten noch viele Standards, bemängelt Martin Schwemmer. Die Bandbreite der heute verwendeten digitalen Tools sei sehr breit – vom 3D-Druck über die Lokalisierung und Tourenplanung bis zur Datenbrille für das Picking. „Das sorgt auch für viel Unsicherheit“, so Schwemmer. „Viele Unternehmen warten ab, weil sie unter hohem Kostendruck stehen.“ Digitale Projekte werden erst eingeleitet, wenn sich der Business Case rechnet.

Entscheidungen stehen jetzt an

Doch der Weg in das digitale Unternehmen ist steinig. Die Transformation muss im laufenden Betrieb stattfinden. Wenn alle Systeme rund um die Uhr laufen, 365 Tage im Jahr, wenn alle Mitarbeiter unter hohem Leistungsdruck stehen, dann sind die Kapazitäten für Neuerungen denkbar knapp.

Das allein ist für die Logistikbranche schon ein schwieriges Feld. Dazu kommen noch weitere Ungewissheiten, die die Wirtschaft fundamental prägen. Bekennen  sich Politiker zum offenen Handel oder schaffen sie einen neuen Protektionismus? Und führt dies eventuell zu einer nationalen oder regionalen Rückbesinnung? Sorgt die Automatisierung weltweit für Wachstum? Wie verändert der Klimawandel die globalen Fertigungskonzepte? Und wer ist in der Lage, darauf schon heute gültige Antworten zu finden?