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Chinesische Lektionen

China hat in den vergangenen Jahren einen enormen Sprung nach vorn gemacht. Wie sich der Logistikmarkt in dem Riesenreich verändert hat und warum Europas Logistiker bald um ihre Führungsrolle bangen müssen, erläutert Dietmar Prümm, Leiter Transport und Logistik bei der Unternehmensberatung Pricewaterhouse-Coopers (PwC) Deutschland.

Herr Prümm, wie groß ist der Logistikmarkt in China? 
Dietmar Prümm _ China ist nach den USA die größte Volkswirtschaft der Welt. Als Exportvizeweltmeister hinter Deutschland besitzt das Land auch einen bedeutenden Logistikmarkt. Der Umsatz der Logistikbranche in China ist in den letzten Jahren stetig mit etwa fünf Prozent gewachsen. 

Und welche Verkehrsträger werden wann eingesetzt? 
_ Die Verteilung auf die Verkehrsträger ist seit Jahren fast unverändert. Das Transportaufkommen lag 2016 bei insgesamt 43 Milliarden Tonnen. Drei Viertel wurden in China über die Straße abgewickelt, 15 Prozent auf dem Wasser und nur 8 Prozent  auf der Schiene. Nur zum Vergleich: Das Transportaufkommen in Deutschland lag 2016 bei etwa 4,6 Milliarden Tonnen – die Verteilung auf die Transportmodi aber war sehr ähnlich. Nur der Schifffahrtsanteil liegt in China aufgrund der langen Küstenlinie höher, der Straßenanteil dementsprechend niedriger.  

Die chinesische Regierung hat in den vergangenen Jahren hohe Summen in die Infrastruktur gesteckt. Was hat das bei den einzelnen Verkehrsträgern bewirkt?
_ Das Transportvolumen in China steigt seit Jahren sehr viel schneller als in Deutschland. Aber während der Frachttransport auf der Schiene in den letzten Jahren stagnierte, sind im Vergleich dazu die Volumina bei Schiffs- und Luftfracht deutlich angestiegen. Die Küstenhäfen sind die Hauptträger des Warentransports in China. Vor allem für Erze, Kohle, Erdöl und Grundnahrungsmittel. 
Aber es ist schon eine echte Herausforderung, dass die Schiene den prozentualen Anteil am Gesamtvolumen halten konnte. Das Schienennetz hat sich in den letzten zehn Jahren wie das Frachtvolumen nahezu verdoppelt! Ehrgeizige Ziele der chinesischen Regierung sehen aber für die Zukunft eine Steigerung der Transportleistung auf der Schiene um 30 Prozent bis 2020 vor.

Warum soll die Schiene stärker ausgebaut werden?
_ In den chinesischen Ballungszentren spielen schienengebundene Verkehrsmittel vor allem für den Personenverkehr eine wichtige Rolle. Die im Jahr 2013 von China ins Leben gerufene Seidenstraßen-Initiative „One Belt, One Road“ will den grenzübergreifenden Ausbau des Schienennetzes vor allem nutzen, um die Transportzeiten zu verringern. Die Schiene ist im Vergleich zum Flugzeug wesentlich günstiger und zum Schiff deutlich schneller. Ähnlich wie in Deutschland soll mehr Schienenverkehr natürlich auch helfen, die gesteckten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Wie beurteilen Sie die zunehmenden Schienenverkehre zwischen China und Europa?
_ Ich sehe hier ein großes Potenzial für den grenzüberschreitenden Schienenverkehr – und zwar weltweit. Denn über die Straße lassen sich die Mengen nicht so einfach transportieren, die von den Menschen in Zukunft online bestellt werden. 
Die Verkehre zwischen Europa und Asien sind vor allem deswegen sinnvoll, weil sich die Welt immer schneller dreht und keiner mehr lange auf seine Fracht warten möchte. Lufttransporte kommen bei den meisten Produkten aus Kostengründen aber nicht infrage. 
Den Anfang machte die Automobilindustrie. Heute werden auch Konsumgüter, die kurzfristigeren Trends unterliegen, auf die Schiene verlagert. Auch der internationale Online-Handel bringt viele neue Geschäftsmodelle an den Start. Auf der einen Seite gibt es viele Menschen, die ihre online gekaufte Ware am liebsten sofort haben möchten, also eigentlich wie früher im stationären Laden. Auf der anderen Seite gibt es Modelle, die genau darauf abzielen, dass die Kunden bereit sind, 10 oder 14 Tage auf ihre Ware zu warten. 

Wie sieht es in China beim Thema Nachhaltigkeit aus? Welche Branchen sind besonders affin für dieses Thema?
_ In unserem Studien-Update „Deutsche Unternehmen in China – Logistikprozesse im Wandel“ sind wir der Frage nachgegangen, wie sich die Rahmenbedingungen logistischer Prozesse in den letzten Jahren verändert haben. Wir haben festgestellt, dass bei der Auswahl der Logistiker in China mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen Umweltaspekten keine hohe Priorität gibt. Am ehesten sehen die Unternehmen aus den Bereichen Handel und Konsumgüter Aspekte der Nachhaltigkeit als ein Kriterium für die Vergabe logistischer Aufträge an. Aber 58 Prozent der befragten deutschen Unternehmen erwarten kurzfristig zunehmende Umweltschutzaktivitäten in China. Besonders hoch sind die Erwartungen bei den Maschinenbauern, besonders niedrig im Automobilbereich.

Ähnlich wie in Deutschland soll mehr Schienenverkehr helfen, die gesteckten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Nach welchen Kriterien entscheiden denn Verlader über die Logistik? 
_ Für die Logistiker in China sind Pünktlichkeit, Flexibilität und ausreichende Kapazitäten die Top-Kriterien bei einer Auftragsvergabe an ein Transportunternehmen. 
Eins sollte uns aber zu denken geben: Unsere Umfrage hat auch gezeigt, dass die Kunden chinesischer Logistiker die Zufriedenheit und die Kompetenz ihrer Dienstleister in vielen Bereichen positiver bewerten als noch vor Jahren. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, die auch deutsche Logistiker, die in China tätig sind, nicht ignorieren sollten. 

In China werden jedes Jahr zehnmal so viele Sendungen ausgeliefert wie in Deutschland.

Welches sind heute die wichtigsten Trends auf dem Logistikmarkt in China?
_ Die Ziele sind von der chinesischen Regierung ja klar formuliert. Die Investitionen in die Infrastruktur durch die Initiative der Neuen Seidenstraße sollen den „Flaschenhals Logistik“ beseitigen. Logistik in China soll effizienter werden, und dabei spielen neue Technologien eine große Rolle. 
Drohnen, Roboter, künstliche Intelligenz und Big Data beispielsweise werden in China verwendet, um hochmoderne automatisierte Logistikkomplexe zu errichten. Während in Deutschland beispielsweise Drohnen als Paketlieferanten zwar in Präsentationen gern verwendet werden, aber keine große Rolle in der Zustellung spielen, boomen Drohnendienste in China schon seit Jahren. 

Haben diese Trends Einfluss auf die europäischen Logistikanbieter?
_ Ja, denn der stark expandierende Online-Handel stellt die Logistiker in China vor große Herausforderungen. In Deutschland sprach man 2017 schon über Panik in der Branche, als etwas mehr als drei Milliarden Pakete im Jahr ausgeliefert wurden. Das Volumen führte zu öffentlichen Debatten über Effizienz, Kosten und Umweltauswirkungen. In China aber werden jedes Jahr zehnmal so viele Sendungen ausgeliefert. 
Die gesammelte Expertise in diesem Geschäftsfeld lässt chinesische Express-Logistiker heute schon öfters über die Grenzen schauen, um den Marktführern aus Europa und den USA die Marktanteile global streitig zu machen. 

Müssen also Europas Logistiker um ihre führende Rolle fürchten?
_ Die Wege zum Erfolg auf den Weltmärkten sind vielfältig. Entweder durch den Kauf ganzer Unternehmen oder von Anteilen, durch eigene Niederlassungen in den Ländern oder das Betreiben von Hubs, Häfen, Flughäfen und anderen Logistikobjekten im Ausland. Auch der Einstieg neuer Player aus anderen Branchen oder Start-ups werden das bisherige Wettbewerbsbild verändern. 
In Deutschland haben sich schon viele daran gewöhnt, dass ein großer amerikanischer Online-Händler den Lieferservice in lukrativen Regionen selbst durchführt. Das chinesische Pendant dazu betreibt bereits Hubs in Europa und wird nun die Kapazitäten auch in Deutschland ausweiten. Chinesische Logistiker bauen den Weg zum Endkunden strategisch aus. Das wird die Logistiklandschaft natürlich verändern.