Die neue Ära der Bahn

Die Deutsche Bahn und der Volkswagen Konzern rüsten sich für die Zukunft.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Bahn zu einem der wichtigsten Dienstleister für den Automobilhersteller entwickelt. Der Logistiker bringt seine gesamte Expertise und ein gigantisches Netzwerk in die komplexen Lieferketten von heute ein, um klimafreundliche Transporte zwischen Herstellern, Zulieferern und Kunden möglich zu machen.

Das Wirtschaftswunder ging mit zunehmender Mobilität einher. Immer mehr und immer weiter wollten die Deutschen reisen. In diesen ersten Jahren der Bundesrepublik wurde nicht nur das Auto immer wichtiger in Deutschland. Auch die Bahn stieg zu einem der wichtigsten Dienstleister für den Volkswagen Konzern in Wolfsburg auf. Der gründete 1965 die Wolfsburger Transport-Gesellschaft mbH – heute Volkswagen Konzernlogistik GmbH & Co. OHG –, um die eigenen Transportaktivitäten im wachsenden Produktionsnetzwerk zu koordinieren und weiterzuentwickeln.

Heute ist Volkswagen der größte Autobauer Europas. „Für Volkswagen bieten wir ein Serviceportfolio über die gesamte Wertschöpfungskette des Automobilherstellers hinweg – von der fein gegliederten Just-in-sequence-Anlieferung an die Montagebänder über den Transport von Autos in die Exporthäfen und zu den europäischen Verteilplätzen bis zum Betrieb von Werkseisenbahnen“, fasst Jens Nöldner, CEO von DB Cargo Logistics, zusammen. Um auf die vielen unterschiedlichen Anforderungen dieses außergewöhnlichen Konzerns reagieren zu können, baut DB Cargo bestehende Lösungen kontinuierlich weiter aus, um immer mehr Güter zu transportieren.


DB Cargo Logistics verfügt über eine Equipment-Flotte für verschiedene Kundenanforderungen, deren Autotransportwagen mit zwei Ladeebenen für den europaweiten Transport geeignet sind. Quelle: Oliver Killig

Gigantisches Netzwerk durch Europa
Das Netz, das DB Cargo Logistics für den Automobilhersteller gespannt hat, reicht von Spanien und Portugal bis Polen, von Norwegen bis Italien und im Osten bis zu den Produktionsstätten im russischen Kaluga und Nischni Nowgorod. Grenzüberschreitende Ganzzug- und Einzelwagenverkehre, Mehrsystemlokomotiven und intelligente Güterwagen verbinden bis zu 20 Werke der Marken des Volkswagen Konzerns und 18 Originalteile-Lager miteinander. Jedes Jahr verschickt der Materialzweig von Volkswagen rund 160.000 Sendungen mit der Bahn. DB Cargo Logistics stellte 2019 dafür etwa 8.500 Züge bereit.

Auch Neufahrzeuge nehmen den Schienenweg, um zu Kunden in Europa und Übersee zu gelangen. 2019 hat DB Cargo Logistics davon 800.000 Pkw transportiert und nutzt dafür ein Netzwerk, das 14 Werke über verschiedene Hubs mit 30 Häfen und Zugangspunkten auf der Schiene verbindet.

Komponentenverkehre über die Grenzen
Wie komplex die logistischen Aufgaben sind, wird vor allem bei den internationalen Komponentenverkehren deutlich, bei denen Fahrzeugteile in vielen verschiedenen Fertigungsstufen an die Montagebänder von Volkswagen geliefert werden. Jedes Fahrzeug besteht im Durchschnitt aus rund 4.000 Einzelteilen, die an einem Ort zusammengefügt werden. Weil Lieferanten aus aller Welt eingesetzt werden, müssen die dazugehörigen Lieferketten schlank und stabil sein und über viele Jahre reibungslos funktionieren. Daher legen die Marken des VW Konzerns detailliert fest, wann welches Fahrzeug produziert wird. Jedes Komponentenwerk und jeder Lieferant erfährt, zu welchem Zeitpunkt die Teile für die Produktion bereitgestellt werden müssen. Bei DB Cargo Logistics sorgen die Mitarbeiter des Bereichs Components in Hannover anschließend dafür, dass die Komponententransporte mit den geforderten Volumina pünktlich rollen.

Nicht nur pünktlich, sondern auch grenzübergreifend: Seit 2007 fährt DB Cargo Logistics Fahrzeug-Komponenten aus Deutschland und Tschechien nach Kaluga und Nischni Nowgorod in Russland und koordiniert zahlreiche Operateure und Subdienstleister. Fünf Tage brauchen die Züge für die Strecke von Wolfsburg bis Kaluga. Besonders stolz sind die Logistiker auf smarte IT-Lösungen, die die Zoll- und Grenzprozesse an der Grenze zwischen den Wirtschaftsgebieten der EU und der GUS in Brest beschleunigt haben. Der Verkehr ist ein Riesenerfolg: 2020 brachte die Güterbahn den 500.000. Container von Deutschland nach Russland. Ein Container an den anderen gestellt ergibt so eine Gesamtlänge, die ungefähr der vierfachen Entfernung von Berlin nach Moskau entspricht.

Rollendes Material speziell für die Automobilindustrie
Zwar sind einige Strecken über die Jahre gleich geblieben, Technik und Methoden haben jedoch enorme Fortschritte gemacht. „Vor zehn Jahren konnten wir nur Transporte von Gleisanschluss zu Gleisanschluss. Für komplexere Verkehre musste der Kunde seine Kompetenzen selbst einbringen“, sagt Kai Birnstein, der bei DB Cargo Logistics den Bereich Components leitet. „Heute haben wir ein ausgedehntes Partnernetzwerk für Lkw-Verkehre, Zugangspunkte für den Umschlag zwischen Straße und Schiene und so viel Expertise, dass wir effiziente gesamthafte Konzepte anbieten können.“

Die Entwicklungen ermöglichen es DB Cargo Logistics, maßgeschneiderte Lösungen für die Automobilbranche zu entwickeln, zum Beispiel rollendes Material. In den Frühzeiten nutzte die Bahn klassische Rungen- und Schienenwagen, um Autos zu den Vertriebszentren und zum Kunden zu bringen. Doch schon 1953 konzipierte sie spezielle Autotransportwagen: Der wohl berühmteste ist der doppelstöckige Off 52 – der sogar in die Palette des Modellbahnbauers Märklin Eingang gefunden hat. Heute stellt DB Cargo Logistics eine ganze Palette an Wagen zur Verfügung, die im Konzernverbund und in engen Partnerschaften speziell für den Transport von bestimmten Fahrzeugtypen entwickelt wurden: Wagen mit höhenverstellbarer oberer Ladeebene für SUVs und Vans. Flachwagen für besonders große Nutzfahrzeuge. Oder die TT-Wagen für Komponentenverkehre: Mit drei Metern Innenhöhe bieten sie einen mit dem Lkw vergleichbaren Laderaum.


Die Hochvoltbatterie ist modular aufgebaut und enthält bis zu zwölf Batteriemodule mikt jeweils 24 Lithium-Ionen-Zellen. Quelle: Oliver Killig

Marktveränderungen erfordern neue Logistikkonzepte
Durch jahrzehntelange Erfahrung hat es die Bahn geschafft, den Bedarf des Automobilherstellers schnell und zuverlässig zu erkennen und mit der Zeit zu gehen. „Die Logistikanforderungen ändern sich am Markt – und wir entwickeln neue Konzepte mit unseren Kunden. Mit unserem Netzwerk sind wir auch für einen zukünftigen Ausbau des Schienenanteils in der Fahrzeugdistribution sehr gut aufgestellt“, sagt Alexander Röckelein aus dem Bereich Finished Vehicles bei DB Cargo Logistics. Keine leichte Aufgabe, weil sich der weltweit produzierende Automobilhersteller ständig weiterentwickelt.

Auch die Logistik ist dauernden evolutionären Veränderungen unterworfen. Weil beispielsweise Fahrermangel, strengere Regeln für Fahrer und eine angespannte Verkehrssituation in Deutschland dazu führen, dass der Lkw längst nicht mehr so flexibel ist wie vor vielen Jahren, werden heute Transportlösungen, die mehrere Verkehrsträger miteinander verbinden, immer wichtiger. Für internationale multimodale Lösungen aus einer Hand setzt DB Cargo auf Partner oder DB Schenker. „Bei vielen unserer Dienstleistungen profitieren wir von Lösungen, die wir mit den DB Cargo-Gesellschaften und im weiteren Konzernverbund gemeinsam erarbeiten. Die Kooperation innerhalb des DB-Konzerns bietet unseren Kunden Services, mit denen wir perfekt auf die Anforderungen der Automobilhersteller eingehen können“, bestätigt Geschäftsführer Jens Nöldner.

Nachhaltigkeit, E-Mobilität, Digitalisierung: Themen für die Zukunft
Ein weiterer Trend, der den Markt umkrempelt, ist Nachhaltigkeit. „CO2-Emissionen sind zu einem der wichtigsten Themen in der Automobilbranche geworden“, sagt Kai Birnstein. Die Verlagerung auf die Schiene ist ein klimapolitisches Gebot: Verkehre sind sehr viel nachhaltiger, wenn die langen Hauptläufe auf der Schiene und nur die kurzen Vor- und Nachläufe auf der Straße stattfinden.

Auch der Umbau zur Elektromobilität führt zu einem tiefgreifenden Strukturwandel – weniger beim logistischen Umfang als vielmehr bei der Reichweite und der Konzeption der Lieferketten. Dazu gehören zum Beispiel die Transporte für Lithium-Ionen-Zellen: DB Cargo Logistics transportiert Batterie- und Zellmodule nachhaltig, ebenso wie Komponenten des neu entstehenden vollelektrischen Audi e-tron. Gemeinsam mit der Konzernlogistik von Volkswagen hat die Bahn ein nachhaltiges Logistikkonzept entwickelt.

Um künftig noch mehr Transporte über die Schiene abzuwickeln und Verkehre zu verlagern, helfen die vielen Railports, Terminals, Hubs, Logistikzentren und andere Netzzugangspunkte, die DB Cargo Logistics mit Partnern vielerorts errichtet und betreibt. In Deutschland dagegen sind die Hauptmagistralen bereits gut ausgelastet. Hier soll die Digitalisierung zu mehr Kapazitäten in der Infrastruktur führen: Eine umfassende digitale Steuerung könnte die Verkehre im Netz um fast ein Drittel erhöhen. Und die Automobilhersteller nutzen schon digitale Errungenschaften wie Künstliche Intelligenz oder das Internet of Things (IoT). Der Volkswagen Konzern vernetzt seine 125 Fabriken auf der ganzen Welt über eine Cloud, um Lieferengpässe und Störungen früh zu erkennen.


Im Fahrzeugwerk Zwickau wird unter anderem der vollelektrische ID.3 produziert. Quelle: Oliver Killig

Logistikketten neu denken
Mit den Assets Nachhaltigkeit und Digitalisierung will DB Cargo seine Angebote kontinuierlich weiterentwickeln und auch in Zukunft die Services für den Volkswagen Konzern erweitern. Die Perspektiven dafür sind gut. Denn ein entscheidender Vorteil, um schnell auf veränderte Parameter beim Kunden einzugehen, bleibt bestehen: das große, europaweite Netzwerk. Diese hocheffiziente Infrastruktur im Verbund mit der jahrzehntelangen Erfahrung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und modernster Technik führt zu den logistischen Lösungen, die für die Automobilfertigung und Fahrzeugdistribution der Zukunft unabdingbar werden. „Die Verkehre, die wir in den kommenden Jahren für Volkswagen durchführen, können wir nur in einer tiefergehenden Partnerschaft umsetzen. Wir müssen Logistikketten ganz neu denken“, sagt Kai Birnstein. „Das ist für uns eine neue Ära.“

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