„Die große Aufbruchstimmung begeistert mich besonders“

Arlene Bühler, Chief Information Officer und Chief Digital Officer bei DB Cargo, im Interview.

Seit November 2021 ist Arlene Bühler als Chief Information Officer (CIO) und Chief Digital Officer (CDO) bei DB Cargo tätig. Rund sechs Monate später spricht die Betriebswirtin unter anderem über ihre Faszination für Technologie, aktuelle Projekte und die kommenden Schritte. 

Frau Bühler, Sie haben während Ihrer Laufbahn viele Erfahrungen in den Bereichen IT und Digitalisierung gesammelt. Wann haben Sie Ihr Interesse an Technologien entdeckt?      
Arlene Bühler_ Schon relativ früh. Klingt für die heutigen Digital Natives sicherlich unspektakulär, aber ich hatte mit 16 meinen ersten Laptop – nicht selbstverständlich damals. Logistikketten, Just-in-time-Anlieferungen und die dazugehörigen Informationstechnologien habe ich bereits vor meinem Abitur als Praktikantin bei Unilever kennengelernt. Da passte der duale Studiengang, BWL und Wirtschaftsinformatik, den ich später bei Siemens absolvierte, optimal.      

Was fasziniert Sie an neuen Technologien?  
AB_ Mich reizt, dass die Digitalisierung Menschen zusammenbringt. Sie erlaubt es, Dinge einfacher zu gestalten, und treibt so Innovationen voran. Einen Status quo gibt es nicht. Hier bewegt sich immer etwas. Das finde ich spannend.      

Seit November 2021 sind Sie bei DB Cargo als CIO/CDO tätig. Wie ist es dazu gekommen?  
AB_ Der Schritt war ganz logisch: Nach zwei Jahren in der DB-Konzernleitung in Frankfurt hatte ich bei DB Cargo die Möglichkeit, wieder internationaler zu arbeiten. Ich mag es, nah am Kunden zu sein, und durch meine Industrieerfahrung kenne ich die Bedeutung von Logistik und Supply-Chain-Management-Prozessen für ein Unternehmen – die betrieblichen Anforderungen, aber auch die einer nachhaltigen Produktion. Deswegen freue ich mich, nun bei DB Cargo die Transportwege der Zukunft mitzugestalten.

Arlene Bühler möchte alle rund 30.000 Mitarbeitenden bei DB Cargo mitnehmen und zu Digitalisierern machen – denn Automatisierung und Digitalisierung gehen nur gemeinsam!
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Arlene Bühler stieg Anfang 2020 bei der Deutschen Bahn AG als Head of IT Operational Excellence im CIO-Konzernbereich ein, ehe sie fünf Monate später Head of Group IT Portfolio & Performance Management wurde. Seit November 2021 verantwortet sie als Chief Information Officer (CIO) und Chief Digital Officer (CDO) den IT- und Digitalisierungsbereich bei DB Cargo.    

Bühler, die ihre berufliche Laufbahn 1998 als Management-Trainee bei Siemens startete, war in ihrer Karriere unter anderem in Toronto, New York, Singapur und Manila tätig. Sie spricht Englisch, Französisch und Spanisch und versteht sich als Spezialistin für digitale Medien und Business-Transformation.

Wie sieht diese Zukunft aus?
AB_ Im Grunde geht es darum, die reale Eisenbahnwelt, wie sie sich heute darstellt, in eine digitale Welt zu übertragen. Als eine Art digitaler Zwilling. Das ist auch das Ziel der „Digitalen Schiene Deutschland“. Für DB Cargo heißt das, unsere Wagen, unsere Fahrpläne und unsere Korridore zu digitalisieren, um zu sehen, wo und wie wir schneller auf Kundenwünsche reagieren können. So können wir zeigen, was möglich ist. Besonders bei Routen über mehrere Länder. Denn: Digitalisierung geht nur europaweit – das zeigen auch unsere Mitbewerber auf der Straße.      

Wie bekommen wir mithilfe von Digitalisierung mehr Güter auf die Schiene?
AB_ Für mehr Wachstum brauchen wir höhere Kapazitäten auf der Schiene. Das erreichen wir nur durch Automatisierung und digitale Lösungen. Damit können wir sehr schnell Kapazitäten berechnen, wissen, wann und wo Baustellen sind und wie wir diese umfahren können, was sie für den Fahrplan bedeuten. Auch Lösungen, die es schon gibt, kommen zum Tragen. Hier denke ich beispielsweise an optimierte Bremswege, um mehr Züge auf die Schiene zu bekommen. Daran arbeiten wir gemeinsam und prüfen im Gesamtkonzern, was Sinn ergibt.            

Was gehört noch dazu?
AB_ Auch wenn das kein „sexy“ Thema ist: Ein entsprechendes Datenmanagement ist von enormer Bedeutung. IT-Systeme müssen in einer einheitlichen Sprache miteinander kommunizieren – und das können sie nur bei entsprechender Standardisierung. Das ist heute leider noch nicht der Fall. Ein weiterer wesentlicher Punkt: Wir werden nur dann wirklich digital, wenn wir es verstehen, die Menschen mitzunehmen, sie für die Digitalisierung zu begeistern und Ängste abzubauen.    

Welches Zwischenfazit ziehen Sie nach rund sechs Monaten bei DB Cargo?
AB_ Die große Aufbruchstimmung im Unternehmen begeistert mich besonders. Das Ziel, europäischer Bahnlogistiker zu werden, kennen alle, und ich merke, dass die Kolleg:innen stolz sind, Bestandteil dieses Wandels zu sein. Es besteht eine enorme Bereitschaft, Dinge infrage zu stellen, aber auch selbstkritisch zu schauen, wie wir es mit den alteingewachsenen IT-Systemen und ihren Prozessen schaffen, moderner zu werden.    

Wie schaffen wir das?  
AB_ Wir müssen kontinuierlich unsere Prozesse überprüfen und optimieren – immer mit dem Ziel, an der Kundenschnittstelle besser zu werden. Aber auch darüber hinaus. Wir müssen uns besser im Konzern vernetzen, Wissen bündeln, ob T-Ressort, DB Systel oder DB Netz. Es ist ja alles an Know-how vorhanden – wir müssen es nur nutzen. Denn dem Kunden ist es letztendlich egal, wie komplex unsere DB Cargo-Welt ist. Ihn interessiert nur, ob die Ware zum vereinbarten Termin da ist, wo sie sein soll. Und: Das muss einfach sein! Wir sind nur ein Glied in der Logistikkette. Wir müssen uns daran messen lassen, was der Kunde will, und der will es einfach.          

An welchen Projekten haben Sie in den vergangenen Monaten gearbeitet?    
AB_ Wir haben uns das ambitionierte Ziel gesetzt, ein neues Customer-Relationship-Management-System – kurz CRM – mit unserem IT-Partner DB Systel aufzubauen, um unsere neue Tochtergesellschaft, die DB Cargo Transa, mit ihren Kundendaten bei DB Cargo anzubinden. Das haben wir in nur drei Monaten geschafft und somit eindrucksvoll gezeigt, wie Projekte mit mehreren Partnern erfolgreich und pragmatisch umgesetzt werden können!    

Was ist aktuell der nächste Punkt auf Ihrer Agenda?  
AB_ Wir arbeiten gerade an unserem zweiten großen IT-Projekt – IPS, das für „Integrierte Planung und Steuerung“ steht. Das System bringt uns erheblich weiter, weil es in Zukunft ganze 14 IT-Systeme bei DB Cargo ablöst. Welche Lok? Welcher Lokführer geht auf die Lok? Wie ist der Fahrplan? Es ist ein komplexes Tool, das vieles erleichtern wird. Und daher eines unserer wichtigsten Projekte. Die erste Phase soll bereits Ende 2023 abgeschlossen werden.      

Wenn Sie für DB Cargo drei Wünsche frei hätten, dann …  
AB_ … wünsche ich mir, dass wir noch viel mehr Investitionen für notwendige neue Technologien erhalten, wie die Digitale Automatische Kupplung oder Automated Train Operation. Aber auch, um neue zukunftsweisende Technologien auszuprobieren, etwa Quantencomputing oder künstliche Intelligenz. Da ist noch Luft nach oben. Die Chancen der Digitalisierung müssen wir konsequent wahrnehmen und auch umsetzen. Als eine Firma denkend – europaweit. Mein zweiter Wunsch ist, dass wir europäischer werden, europäische IT- und Datenstandards setzen. Für die gesamte Eisenbahnindustrie. Und mein dritter und wichtigster Wunsch ist, dass wir auf dieser Reise unsere rund 30.000 Mitarbeitenden mitnehmen und sie alle zu Digitalisierern machen – denn Automatisierung und Digitalisierung gehen nur gemeinsam!