Artikel: Wer die Logistik von morgen prägen wird
3 Fragen an Erik Wirsing
Wie sieht die Logistik der kommenden Jahre aus? Welche Entwicklungen werden tatsächlich relevant – und welche Themen werden möglicherweise unterschätzt?
Antworten darauf sucht DB Cargo regelmäßig auch außerhalb des eigenen Systems Schiene. Denn viele Veränderungen entstehen nicht isoliert innerhalb eines Verkehrsträgers, sondern an den Schnittstellen von Technologie, Wirtschaft und globalen Lieferketten.
Im Rahmen eines Austauschs mit DB Cargo hat Erik Wirsing verschiedene Entwicklungen eingeordnet, die die Branche in den kommenden Jahren prägen könnten. Wir haben ihn gebeten, drei zentrale Fragen für unsere Leserinnen und Leser zu beantworten.
Erik Wirsing zählt seit vielen Jahren zu den bekanntesten Innovations- und Zukunftsexperten der Logistikbranche. Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen neuer Technologien, Geschäftsmodellen und globaler Veränderungen auf Lieferketten und Transportnetzwerke und begleitet Unternehmen bei der Frage, wie Logistik in einer zunehmend komplexen Welt erfolgreich gestaltet werden kann.
Als Speaker, Moderator, Podcaster und Berater verbindet er strategische Zukunftsperspektiven mit operativer Praxiserfahrung.
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1. Welche Entwicklungen werden die Logistik Ihrer Meinung nach am stärksten prägen?
„Ich glaube nicht, dass die größte Veränderung aus einer einzelnen Technologie oder einem neuen Geschäftsmodell entstehen wird. Die eigentliche Disruption entsteht durch das Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen gleichzeitig.“
Künstliche Intelligenz entwickelt sich derzeit von einem Werkzeug zu einer operativen Entscheidungsinstanz. Gleichzeitig schreiten Automatisierung, autonome Systeme und datengetriebene Plattformmodelle voran. Dadurch verändern sich nicht nur Prozesse, sondern die Art und Weise, wie Unternehmen organisiert werden und wie Wertschöpfung entsteht.
„Die Logistik steht deshalb vor einer neuen Realität: Das Problem ist nicht mehr Veränderung. Das Problem ist die Gleichzeitigkeit der Veränderungen.“
Unternehmen müssen lernen, technologische Innovation, Organisation und Geschäftsmodell gemeinsam zu denken. Die Zukunft wird nicht von der besten Einzeltechnologie gewonnen, sondern von denjenigen Unternehmen, die unterschiedliche Technologien erfolgreich zu einem funktionierenden Gesamtsystem verbinden.
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2. Welche Entwicklung wird aktuell unterschätzt, obwohl sie das Zusammenspiel der Verkehrsträger verändern könnte?
„Aus meiner Sicht wird die geopolitische Neuordnung der Weltwirtschaft massiv unterschätzt.“
Viele Diskussionen konzentrieren sich auf autonome Lkw, Drohnen oder KI. Diese Themen sind wichtig. Noch wichtiger ist jedoch die Frage, wo künftig produziert wird, welche Handelsräume entstehen, welche Datenräume zugelassen werden und wie sich Energie- und Rohstoffströme verändern.
Wir erleben derzeit eine zunehmende Regionalisierung von Lieferketten, neue Handelsbarrieren, geopolitische Spannungen und eine stärkere staatliche Einflussnahme auf kritische Infrastruktur. Das verändert langfristig die Rolle aller Verkehrsträger.
„All digital decisions in logistics today are geopolitical decisions.“
Wer neue Technologien einführt, trifft gleichzeitig Entscheidungen über Abhängigkeiten, Datenflüsse, Partnernetzwerke und zukünftige Wettbewerbsfähigkeit.
Die spannendste Frage der kommenden Jahre lautet daher nicht, welcher Verkehrsträger gewinnt. Die entscheidende Frage ist, wie intelligente, vernetzte und zunehmend autonome Transportnetzwerke über alle Verkehrsträger hinweg orchestriert werden.
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3. Was bedeutet das konkret für Unternehmen in Industrie und Logistik heute?
Viele Unternehmen suchen aktuell nach der nächsten großen Innovation. Ich glaube jedoch, dass die entscheidende Aufgabe eine andere ist.
„2026 wird nicht das Jahr der spektakulären Disruptionen sein. Es wird das Jahr der disziplinierten digitalen Architektur.“
Unternehmen sollten heute vor allem in vier Bereiche investieren:
- Datenqualität und Datenverfügbarkeit
- Digitale Infrastruktur und Systemintegration
- KI-Kompetenzen und Automatisierung
- Organisatorische Anpassungsfähigkeit
Die nächste Entwicklungsstufe der Logistik ist nicht die Automatisierung einzelner Prozesse. Sie ist die Orchestrierung ganzer Wertschöpfungsnetzwerke durch KI. Zum ersten Mal entstehen Systeme, die nicht nur Informationen bereitstellen, sondern eigenständig Entscheidungen vorbereiten, koordinieren und teilweise treffen können.
Damit verschiebt sich die Rolle des Menschen grundlegend: Bisher unterstützte Software die Entscheidung. Zukünftig werden Menschen zunehmend Entscheidungen überwachen, bewerten und steuern, die von intelligenten Systemen vorbereitet oder getroffen werden.
Viele Unternehmen diskutieren derzeit über den Einsatz von KI. Die eigentlich wichtigere Frage lautet jedoch: Wer trifft künftig die operative Entscheidung – der Mensch, die Software oder eine intelligente Kombination aus beiden? Die Unternehmen, die diese Frage früh beantworten und die passende digitale Architektur aufbauen, werden die Gewinner der nächsten Dekade sein.
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Die Antworten geben Einblicke in die zunehmende Komplexität, mit der sich die Logistikbranche konfrontiert sieht. Technologische Entwicklungen, geopolitische Veränderungen und organisatorische Anforderungen greifen dabei immer stärker ineinander. Welche Auswirkungen sich daraus im Zusammenspiel der Verkehrsträger konkret ergeben, wird sich in den kommenden Jahren weiter zeigen.